Neue Trends bei künstlichen Gelenken

Der Erfolg der Endoprothetik zeigt sich auch darin, dass sofort nach der Operation mit der Rehabilitation begonnen wird.

Die Medizin hat in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Auch älteren Patienten können bei Bedarf künstliche Hüft- und Kniegelenke eingesetzt werden. Der heutige medizinische Standard bringt dieser Generation ein enormes Plus an Lebensqualität. Es ist und bleibt allerdings eine schwere Operation.

Damit ein alter Patient so einen großen chirurgischen Eingriff gut übersteht, müssen die Mediziner auf viele Dinge achten: Das Herz-Kreislauf-System muss stabilisiert werden. Nebenerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Fehl- und Unterernährung oder Austrocknung sind vor einer Operation so weit wie möglich zu behandeln. Außerdem ist die Blutgerinnung zu kontrollieren, da heute viele ältere Menschen blutverdünnende Mittel einnehmen. Und auch eine Narkose bedeutet natürlich immer eine Belastung für den Körper. »Die Narkose können wir individuell und gut verträglich ausführen«, beruhigt Anästhesist Dr. Reinhardt Reimer.

Bei den Gelenkoperationen werden nach dem Hautschnitt Muskulatur und Sehnen freigelegt. Der Chirurg achtet dabei auf eine weichteilschonende Vorgehensweise, damit der Patient sich nach der Operation besser bewegen kann. Es wird nur der beschädigte Teil des Knochens entfernt und durch eine Endoprothese ersetzt. Neuerdings werden dabei Navigationssysteme eingesetzt, um millimetergenau arbeiten zu können. Der gesunde Teil des Knochens kann so geschützt werden, was nach etwa 15 bis 20 Jahren eine Wechseloperation deutlich erleichtert. Außerdem kann mit Hilfe der Navigation eine mögliche Fehlstellung der Beine korrigiert werden. Ohne die Korrektur von O- oder X-Beinen käme es zu erhöhtem Verschleiß, zur Lockerung des künstlichen Gelenks und zu einer geringen Lebensdauer der neuen Endoprothese.

Der Erfolg in der Endoprothetik zeigt sich aber auch darin, dass sofort nach der Operation mit der Rehabilitation begonnen wird. Die älteren Patienten sollen ihre Beweglichkeit nicht
erst verlieren, es soll gar nicht erst zum Muskelabbau kommen. Voraussetzung dafür ist ihre aktive Mitarbeit. Auf dem langen Weg der Genesung darf man auf keinen Fall den Mut und das eigene Ziel aus den Augen verlieren: Ein halbes Jahr nach der Hüftgelenksoperation und sechs bis neun Monate nach einer Operation am Knie soll das Leben nämlich wieder ohne Einschränkungen und schmerzfrei möglich sein. Bei vielen Patienten war daran vor der Operation überhaupt nicht mehr zu denken.

Warum schmerzen unsere Gelenke?

Die Experten (von links): Dr. Frank Lampe, Dr. Reinhardt Reimer und Dr. Jan-Hauke Jens

Dr. Frank Lampe [Chefarzt im Zentrum für Endoprothetik]: Das ist ein normaler Alterungsprozess. Die Gelenkknorpel sind im Laufe der Jahrzehnte so weit abgenutzt, dass es zum Abrieb der Knochen (Arthrose) kommt. Schmerzhafte Gelenkentzündungen sind die Folge. Fehlstellungen wie O-Beine sowie Überlastung beschleunigen diesen Prozess.

Sollte man sich schonen, wenn diese altersbedingten Probleme auftreten?

Dr. Lampe: Leichte Bewegung tut gut. Dadurch wird vermehrt Gelenkflüssigkeit produziert und so werden die Gelenke besser geschmiert. Außerdem geben Muskeln und Sehnen Stabilität, die sich durch schonende Bewegungen wie Rad fahren, Laufen und Schwimmen erhöht.

Vor drei Jahren bin ich an der linken Hüfte operiert worden. Seit Kurzem knackt es beim Aufstehen. Muss ich Angst haben, dass das Gelenk herausspringt?

Dr. Lampe: Das kann das Schnappen einer Sehne sein. Wenn das Gelenk gut implantiert ist und Sie keine Schmerzen haben, ist es vermutlich harmlos. Ihr Arzt kann Ihnen das beantworten.

Haben die Patienten nach der Operation starke Schmerzen?

Dr. Reinhardt Reimer [Oberarzt Anästhesiologie und operative Intensivmedizin]: Hüft- und Knieoperationen sind schwere Eingriffe. Die Patienten sollen sich in den Tagen danach möglichst viel bewegen und nicht aufgrund von Schmerzen davon abgehalten werden. Dabei helfen Schmerzmittel. In den ersten drei bis fünf Tagen kann das Schmerzmittel über eine Pumpe direkt in das Gelenk gespritzt werden. Bei Bedarf kann der Patient höher dosieren.

Ältere Patienten leiden häufig auch unter Bluthochdruck, Diabetes oder anderen Nebenerkrankungen. Gibt es eine Altersgrenze für diese großen chirurgischen Eingriffe?

Schematische Darstellungen einer Endoprothese: eine künstliche Hüfte (oben) und ein Knie (unten)

Dr. Reimer: Nein. Zu den Risikofaktoren dieser Altersgruppe gehören die Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und Lungenerkrankungen. All diese können wir aber im Vorwege behandeln, egal in welchem Alter.

 Was tun bei Metallallergie?

Dr. Lampe: Es gibt Endoprothesen mit einer keramischen Beschichtung, die verhindert, dass Metall-Ionen austreten. Die höheren Kosten dafür übernimmt die Klinik.

 Darf ich mein operiertes Knie voll belasten, zum Beispiel im Garten beim Unkrautjäten?

Dr. Jan-Hauke Jens [Chefarzt Zentrum für Endoprothetik]: Anders als beim Hüftgelenk können Sie sich frei bewegen, da das Kniegelenk nicht ausrenken kann. Die Beugungsgrenze liegt bei 100 bis 115 Grad.

 Kann bei Osteoporose der Knochen so geschädigt sein, dass man ihn erstmal aufbauen muss, bevor man operieren kann?

Dr. Jens: Grundsätzlich sollte eine Osteoporose mit Medikamenten behandelt werden. Anhand einer Knochendichtemessung entscheidet der behandelnde Arzt, ob der Knochenschwund mit Kalzium oder Bisphosphonaten therapiert wird. Beim Austausch von Gelenken können wir Eigen- oder Fremdknochen in das poröse Knochengewebe implantieren und auf diesem Weg für Stabilität sorgen. Die Krankheit Osteoporose schließt den Einsatz einer Endoprothese nicht aus.

Ich habe seit 18 Jahre eine neue Hüfte und bin beschwerdefrei. Muss ich zum Arzt? Springt das Gelenk irgendwann heraus?

Dr. Jens: Wenn Sie schmerzfrei sind, ist die Wahrscheinlichkeit des Auskugelns sehr gering. Bei einer Untersuchung wird Ihr Arzt das Hüftgelenk bewegen. Außerdem geben ein Röntgenbild oder eine Skelettszintigrafie Aufschluss darüber, ob Pfanne oder Stiel gelockert sind.

Meine Hüfte ist damals zementiert worden. Gibt es deshalb bei einer Austauschoperation nach 18 Jahren Probleme?

Dr. Lampe: Wenn die Hüfte locker geworden ist, hat sich auch der Zement vom Knochen gelöst. Die erste Wechseloperation bekommen wir normalerweise gut hin.

Aus welchem Material ist der Zement?

Dr. Jens: Das ist Plexiglas, beigemischt sind Antibiotika und Röntgenkontrastmittel. Ein Stoff aus den Anfängen der Endoprothetik, der gut körperverträglich ist.