„Ich träume von einem Garten voller Rosen“

Diese Frau ist ein Phänomen: Renate Schneider hat für das Hamburger Abendblatt 32 Jahre lang das Ressort „Von Mensch zu Mensch“ geleitet. In dieser Zeit hat die elegante Dame mehr als zwölf Millionen Euro Spendengelder gesammelt, mit denen sie weit über 150.000 Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in Not geholfen hat. Dafür wurde die gläubige Christin unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Hamburger Bürgerpreis ausgezeichnet, außerdem wurde sie 2010 zur „Hamburgerin des Jahres“ gewählt. Als sich die gebürtige Berlinerin zwei Jahre später im Alter von 72 Jahren in den Ruhestand verabschiedete, standen die hanseatischen Honoratioren in der Laeiszhalle Schlange.

„Ich genieße meinen Ruhestand in vollen Zügen“, verrät Renate Schneider, während sie im Café in der Ohlendorfschen Villa genüsslich an ihrem Roibuschtee nippt.

„Es war ein wunderbarer Abschied“, erzählt Renate Schneider bei unserem Treffen im Café der Ohlendorfschen Villa lächelnd. Salut Salon und ein Kinderchor der Staatlichen Jugendmusikschule brachten unter der Leitung von Chorleiterin Maren Hagemann-Loll und Rolf Zuckowski ein Ständchen. Eberhard Möbius hielt eine launige Rede. Die Tische im Brahms-Foyer waren mit Rosen dekoriert, ihren Lieblingsblumen. Professor Hermann Rauhe, Haspa-Vorstand Harald Vogelsang, Michel-Hauptpastor Emeritus Helge Adolphsen – der das von Renate Schneider ins Leben gerufene „Märchen im Michel“ begleitet hat – gehörten zu den rund 400 Gästen. Sie alle wollten der Scheidenden alles Gute für ihren nächsten Lebensabschnitt wünschen. Natürlich trug Renate Schneider auch an diesem Tag ihr Markenzeichen: einen schicken Haarreifen.

 Als Renate Schneider 1979 als freiberufliche Journalistin beim Hamburger Abendblatt anheuerte, arbeitete sie zunächst Erik Verg zu, ihrem Vorgänger im Ressort „Von Mensch zu Mensch“. Jahre später, als der Redakteur in Rente ging, übernahm die damals 43-Jährige das Ruder und musste sich erst mal „ordentlich reinknien“. Der damalige Chefredakteur Werner Titzrath erklärte ihr lapidar: „Wir schmeißen Sie jetzt ins kalte Wasser. Wenn Sie nicht schwimmen können, helfe ich Ihnen“. An dieses Versprechen hielt er sich auch, wofür Renate Schneider ihm immer noch dankbar ist.

 Im Laufe der Jahre wurde die Redakteurin mit den tragischen Schicksalsschlägen zahlreicher Menschen konfrontiert, die sie bis heute zutiefst berühren. In Briefen schilderten die Leser der Journalistin ihre Beziehungs- und Drogenprobleme, erzählten von finanziellen Nöten, von Trennungen und von ihrer Trauer um einen geliebten Menschen. Für den nierenkranken kleinen Jungen Alexander fand Renate Schneider eine Pflegefamilie, seine eigenen Eltern wurden mit der schweren Krankheit einfach nicht fertig. Für das junge Mädchen Jessica, das sich aus Liebeskummer aus einem Hotelfenster stürzte, sammelte sie Geld für dringend erforderliche Operationen und Therapien.

 Ein Arbeitstag von 7:00 bis 22:00 Uhr war die Regel. „Am Wochenende habe ich dann meist noch Berge von Post gelesen.“ Hin und wieder bekam sie auch kritische Briefe, aber die meisten Nörgler meldeten sich telefonisch. Auch für diese Leser hatte Renate Schneider ein offenes Ohr. „Unter all den spannenden Menschen, die ich kennenlernen durfte, hat mich Mutter Teresa am meisten beeindruckt“, resümiert Renate Schneider.

 Renate Schneider genießt ihre neu gewonnene Freiheit. Endlich hat sie Zeit zum Reisen, Lesen und lernt Klavier spielen. Außerdem findet sie jetzt Muße, sich ihrer Sammlung alter Filme zu widmen, und trifft sich mit Freunden. Gern besucht sie ihre Kinder Nicole (52) und Marc (48) sowie die drei Enkeltöchter, die in Stuttgart, Regensburg und München studieren. Ganz auf die wohltätige Arbeit möchte sie aber nicht verzichten. Daher engagiert sie sich als Schirmherrin, unter anderem im Verein „Hände für Kinder – der Neue Kupferhof“, ein Kurzzeitzuhause für schwerstbehinderte Kinder und deren Familien.

 Wenn Renate Schneider über den Volksdorfer Wochenmarkt bummelt, wird sie immer noch häufig von Passanten angesprochen, die sich bei ihr für ihren unermüdlichen sozialen Einsatz bedanken. „Das ist stets ein Glücksgefühl ohne Ende“, verrät die große Journalistin lächelnd. Auf dem Markt ist Renate Schneider derzeit auch auf der Suche nach neuen Rosenbüschen, die sie an ihrem Haus einpflanzen will. „Ich träume nämlich von einem Garten voller duftender Rosen“, verrät sie zum Abschied.