Der Umzug ins Altenheim - Auch die Mutter von Autor Jochen Mertens leidet unter Demenz
Seit fast einem Jahr beschäftige ich mich mit der Demenzerkrankung meiner 88-jährigen Mutter. Über ein Vierteljahr hat sie trotz dieser schweren Erkrankung des Gehirns allein zu Hause gewohnt, doch dann musste sie ins Altenheim umziehen. Dort hat sie sich erstaunlich schnell eingelebt.
Es begann an einem kalten Sonntag im Februar. Meine Mutter war ziemlich verzweifelt und hatte Kopfschmerzen: „Ich habe Blitze im Kopf und kann nicht mehr denken.“ Wir haben sie beruhigt und sie wollte im Bett liegen bleiben, solange ihr Gehirn Aussetzer habe. In den darauf folgenden zwei Wochen war die beginnende Demenz dann nicht mehr zu übersehen. Personalausweis, Kontokarte, Krankenversicherungskarte sowie die Zahnprothese waren verschwunden. Meine Mutter hatte den Bezug zur Realität verloren und stellte zur Erklärung die Frage: „Wozu brauche ich in meinem Alter noch einen Ausweis?“ Gute Frage, auf die ich zunächst auch keine Antwort wusste.
Der langjährige Gärtner meiner Mutter hat dann morgens und nachmittags die Betreuung übernommen, hat gekocht und geputzt. Abends war ein Pflegedienst beim Waschen und Ausziehen behilflich. Über drei Monate hat das funktioniert. Gut, wir mussten erfinderisch sein. Manchmal war die Lautstärke von Radio oder Fernseher viel zu hoch, doch meine Mutter schlief seelenruhig dabei. Zeitschaltuhren mussten eingebaut werden, um nächtliche Ruhestörungen zu vermeiden. Auch die Sicherungen vom Herd haben wir herausgedreht. Tee ohne Wasser in der Bratpfanne zu erhitzen, war damit nicht mehr möglich. Streichhölzer und Kerzen hatten wir zwar aus der Wohnung entfernt, doch meine Mutter ging immer mal wieder ins Einkaufszentrum, kaufte sich Zigaretten und Streichhölzer. Nach 40 Jahren Abstinenz hatte sie wieder mit dem Rauchen angefangen. Damit verbunden war eine nicht unerhebliche Feuergefahr, wie man an den zahlreichen Brandlöchern in den Tischdecken sehen konnte. Manchmal waren Lebensmittel im Kleiderschrank versteckt. An aktiven Tagen hat meine Mutter die nasse Wäsche aus der Waschmaschine genommen und in die Büsche gehängt. „Das trocknet schneller“, erklärte sie uns.
Marianne hielt uns ganz schön auf Trab, bis sie in einer Nacht im Juni mit dem Plan die Wohnung verließ, mit dem Taxi an die Ostsee zu fahren. Weit ist sie nicht gekommen. Keine hundert Meter von ihrer Wohnung entfernt stürzte sie. Jugendliche, die sie fanden, kümmerten sich um meine Mutter und riefen die Polizei. Zum Glück war nichts gebrochen, es gab nur eine schmerzhafte Prellung an der Hüfte.
Der Traum, bis zum Lebensende in der vertrauten Umgebung zu leben, war damit ausgeträumt. Trotz des nächtlichen Sturzes außerhalb der Wohnung wollte meine Mutter nicht ins Heim ziehen. Ich musste sie erst davon überzeugen, dass sie nicht mehr allein leben konnte. Zwei Anläufe habe ich dazu gebraucht. Es gab Streit und Tränen, doch dann hat sich Marianne von mir ins Heim begleiten lassen. Bis heute wundere ich mich darüber, wie stark der Wille eines Demenzkranken sein kann. Gekennzeichnet durch Sturheit und Uneinsichtigkeit, kann es doch wenige Stunden später so etwas wie Einsicht und Vernunft geben. Findet man den richtigen Zugang zum Betroffenen, dann ist es plötzlich ganz einfach.
In den ersten drei Tagen im Heim konnte meine Mutter aufgrund der Prellung mit dem rechten Bein noch nicht auftreten. Sie war auf den Rollstuhl angewiesen, ließ sich aber bereitwillig von den Pflegekräften ins Bett, auf einen Stuhl oder auf die Toilette umsetzen. Der Lebenswille meiner Mutter war ungebrochen. Am dritten Tag im Heim stand sie einfach auf und machte humpelnd die ersten Schritte nach ihrem Sturz. Irgendwie ist sie mit der neuen Situation gut zurechtgekommen. Wahrscheinlich fühlte sie sich in ihrer Wohngruppe sofort geborgen und angenommen. In solch einer Gruppe ist auch viel mehr los als zu Hause. Vom Wassertreten über das Singen bis zum Kuchen backen – Marianne ist immer dabei. Außerdem haben sie die Erfolgserlebnisse in der neuen Umgebung ermutigt: Meine Mutter ist zum Beispiel aufgefordert worden, ihr Brot selbst zu schmieren und sich Käse oder Wurst auszusuchen. Das hatte sie sich zu Hause allein nicht mehr zugetraut. Diese neu gefundene Selbstständigkeit gefällt ihr bis heute.
In den ersten Wochen glaubte meine Mutter, dass sie in einer Wohngemeinschaft mit jungen und alten Menschen lebt. Inzwischen spricht sie davon, in einem Heim zu leben. Trotzdem äußert sie immer wieder den Wunsch „in ihr blaues Haus an der Elbe zu ziehen“. An den Namen der Straße, in der sie wohnte, kann sie sich nicht mehr erinnern. Ihr Wunsch nach dem Umzug „nach Hause“ ist für mich immer ein kleiner Stich ins Herz. Ich glaube, dass meine Mutter einerseits zwar begriffen hat, dass das Altenheim ihr Zuhause ist, sich andererseits aber wünscht, noch einmal ganz selbstständig zu sein, so wie früher. Und diese Hoffnung möchte ich ihr auch nicht nehmen.
Der Umzug ins Altenheim ist jetzt ein halbes Jahr her. Ich dachte immer, dieser Schritt leite für Senioren den unausweichlich letzten Lebensabschnitt ein. So ist es aber nicht. Meine Mutter hat in dieser Zeit unerwartet schöne Dinge erlebt. Sie hat viele Sonnenstunden auf ihrem neuen Balkon verbracht, hat den fünftägigen Bewohnerurlaub auf der Ostseeinsel Usedom mitgemacht und genießt es, einmal in der Woche zum Schwimmen zu gehen. Ich freue mich, wenn sie mir erzählt, wie gern sie beim Singen und Backen mitmacht. Außerdem kümmern sich die Pflegekräfte rührend um die seelischen Probleme der hier lebenden Menschen. Als meine Mutter neulich nachts schlecht geträumt hatte, war sofort eine Mitarbeiterin zur Stelle, um sie zu trösten.
Trotzdem sehe ich natürlich den unaufhaltsamen Fortschritt der Demenz. Meine Mutter ist viel ruhiger geworden, spricht leiser und weniger, der Blick ist oft leer. Es wird langsam dunkel in ihrem Kopf. Wir kommen mit diesem langen Abschied irgendwie zurecht und haben trotzdem eine gute Zeit. Denn: Meine Mutter lebt im Hier und Jetzt, macht sich kaum Gedanken über ihre Krankheiten und genießt die Zeit. Über die Demenz hat sie selbst einmal gesagt: „Ich habe Gestrüpp im Kopf.“ Trotzdem ist ihr liebevolles Wesen noch immer dasselbe wie vor dem Ausbruch dieser schweren Erkrankung. Sie ist und bleibt meine Mutter.
