Hoffentlich werde ich nicht tüdelig
Demenzkranke haben sich nicht mehr unter Kontrolle und äußern Gefühle wie Traurigkeit und Aggressionen häufig ungebremst.
Was ist Demenz?
Demenz ist nicht gleichzusetzen mit Vergesslichkeit. Zu dieser Erkrankung des Gehirns gehören auch Veränderungen des Wesens, Störungen des Gedächtnisses, des Denkens, der Orientierung, der Lernfähigkeit und des Urteilsvermögens.
Man unterscheidet zwischen zwei Arten von Demenz: Bei der Alzheimer-Demenz entstehen Ablagerungen im Gehirn, die die Übertragung der Informationen von einer Nervenzelle zur anderen blockieren.
Die zweithäufigste Form der Demenz ist die vom vaskulären Typ (vaskulär: durchblutungsbedingt). Aufgrund von Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) bilden sich in den Blutgefäßen Ablagerungen, die den Blutfluss und damit die Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr für die Gehirnzellen behindern oder sogar unterbrechen. Nervenzellen sterben ab.
Den Durchblutungsstörungen kann man vorbeugen. Dazu gehören eine gesunde Lebensführung mit einer ausgewogenen Ernährung und Bewegung. Außerdem sind eine regelmäßige Kontrolle und richtige Einstellung von Blutdruck, Blutzucker- und Blutfettwerten wichtig. Eine Heilung gibt es noch nicht. Allerdings gibt es Medikamente, die den Krankheitsverlauf verzögern können.
Mein Vater (85) ist »tüdelig«: Der Kühlschrank ist leer. Beim Anziehen unterscheidet er nicht mehr zwischen sauberer und schmutziger Wäsche. Brauche ich einen Pflegedienst?
Dr. Ann-Kathrin Meyer [Fachärztin für Innere Medizin und Altersheilkunde]: Ihr Vater ist offenbar nicht mehr in der Lage, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Holen Sie sich Hilfe, denn auf Dauer werden Sie es allein nicht schaffen.
Wie diagnostizieren Sie eine Demenz?
Dr. Meyer: Die meisten Patienten kommen nicht freiwillig zu uns, sondern erst, wenn sie von ihren Angehörigen gebracht werden. Zur Untersuchung gehören ein Ultraschall, um Ablagerungen in den Hirnarterien feststellen zu können, sowie ein EKG zur Überprüfung von Herzrhythmusstörungen. Auch eine Bestimmung der Blutwerte ist wichtig. Und zur Abbildung des Gehirns ist eine Röntgenschichtaufnahme nötig. Dazu kommen neuropsychologische Tests, um Gedächtnis, Handlungsplanung und das Neulernen standardisiert abzuprüfen.
Ist Demenz vererbbar?
Dr. Meyer: Es besteht nur ein geringes Risiko der Vererbung von Alzheimer, so dass sich Verwandte von Alzheimerpatienten nicht unnötig sorgen sollten. Das Auftreten einer Demenz hängt hauptsächlich vom Lebensalter ab. Die Hirnleistung lässt nach, genauso wie wir Falten und graue Haare bekommen. Bis zu 5 Prozent der 65-Jährigen, 20 bis 25 Prozent der über 80-Jährigen und etwa ein Drittel der über 90-Jährigen haben demenzielle Erscheinungen. Es gibt jedoch eine Vererbbarkeit der Risikofaktoren – nämlich Bluthochdruck und Diabetes. Blutdruck, Blutzucker und Blutfette, wenn Sie das im Griff haben, dann ist es gut.
Wird den Bewohnern im Heim im Rahmen der Dementenbetreuung möglichst viel abgenommen?
Diaz Liedicke [Pflegedienstleiter im Alsterdomizil]: Nein, im Gegenteil. Es wird ihnen möglichst wenig abgenommen. Unser Haus hat einen Reha-Ansatz: Wir geben Anleitungen, das fördert die Selbstständigkeit, und unsere Bewohner haben Erfolgserlebnisse.
Warum ist die Biografiearbeit in der Altenpflege so wichtig?
Liedicke: Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel: Einer unserer Bewohner legte sich immer unter die elektrischen Pflegebetten. Wir hatten das zunächst nicht verstanden. Erst als wir herausfanden, dass er früher ein leidenschaftlicher Hobby-Kfz-Mechaniker war, erklärte sich sein Verhalten. Das ist Biografiearbeit.
Meine Mutter lebt in einem Zweibettzimmer und passt gut auf ihre Sachen auf. Aber wenn Sie mit ihrem Wagen im Haus unterwegs ist und auf »Shopping-Tour« geht, kommt sie mit Dingen zurück, die ihr nicht gehören. Wie soll ich mich verhalten?
Dr. Meyer: Das Verhalten ist aus biografischer Sicht verständlich. Die Zeit um den Krieg war von Armut gezeichnet. Dieses Trauma sitzt bei vielen tief. Ihre Mutter hat wahrscheinlich den Wunsch, sich zu versorgen, so lange etwas da ist.
Eine Bekannte von mir lebt im Heim. Ihre Kleidung wird auch von den Mitbewohnern getragen. Was kann ich dagegen tun?
Liedicke: Altersverwirrte Menschen können ihre Kleidung nicht mehr als die eigene erkennen. Deshalb ziehen sie das an, was ihnen gefällt. Ein gutes Heim begrenzt seine Bewohner nicht bei der Auswahl der Kleidung.
Wie bringe ich meine Mutter dazu, dass sie sich abends auszieht?
Dr. Meyer: Im Zweifelsfall gar nicht. Wenn sie angezogen schlafen möchte, ist das in Ordnung. Ein Problem wäre es, wenn Ihre Mutter im Sommerkleid in die Kälte nach draußen ginge.
Meine Frau ist mal himmelhoch jauchzend und mal zu Tode betrübt. Ist das normal?
Dr. Meyer: Demenzkranke haben ihre Stimmungsschwankungen nicht mehr unter Kontrolle, die Emotionen können nicht mehr gesteuert werden. Freude, Traurigkeit oder Aggression kommen relativ ungebremst aus ihnen heraus. Dadurch erscheint Ihnen das Weinen dramatischer, als es eigentlich ist.
Meine Mutter (83) will sich kein Heim ansehen. Muss ich jetzt darauf warten, dass irgendetwas Schlimmes passiert, oder gibt es einen Trick?
Dr. Meyer: Das mit dem Trick funktioniert in der Regel nicht. Oft ist mit Verstand und Vernunft nichts zu erreichen. Es muss erst etwas Einschneidendes passieren. In diesem Fall haben Sie aber die Möglichkeit, ein Betreuungsverfahren beim Vormundschaftsgericht zu beantragen.
Meine altersverwirrte Nachbarin lebt jetzt in einem Altenheim, in dem es morgens und nachmittags zwar jeweils zwei Stunden Betreuung gibt. Ansonsten ist sie aber auf sich gestellt, und ihr bleibt nur der Gang in einem kleinen Hühnerhof. Ist das alles, was einem Menschen im Alter noch bleibt?
Dr. Meyer: Es gibt unterschiedliche Häuser. Jeder, der mit seinen Angehörigen sorgsam umgeht, sollte sich mehrere Heime ansehen. Dabei würde der kleine Hühnerhof auffallen. Man sollte eine Einrichtung wählen, in der man sich selbst auch wohl fühlen würde.
Was soll man tun, wenn der an Demenz Erkrankte jegliche Hilfe ablehnt, auch den Pflegedienst und das Essen auf Rädern abbestellt? Soll man ihn in sein Unglück laufen lassen?
Liedicke: Nein. Nicht mehr zu essen, ist Selbstgefährdung. Spätestens jetzt brauchen Angehörige professionelle Hilfe, um angemessen handeln zu können. Außerdem sollten Sie darauf achten, ob möglicherweise eine psychische Erkrankung, zum Beispiel eine Depression, vorliegt, die gesondert behandelt werden kann.
Meine Frau ist seit Jahren dement und zeitweise sehr aggressiv. Was kann man dagegen tun?
Dr. Meyer: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Verhaltens-
auffälligkeiten wie Aggressionen und Ängste häufig nicht allein durch beruhigendes Verhalten in den Griff zu bekommen sind. Wenn Tabletten gegen Aggressivität eine positive Wirkung erzielen und richtig dosiert sind, kann deren Einsatz sinnvoll sein.
Ich möchte meinen Vater verstehen. Er wird kindisch. Wie soll ich mit ihm umgehen?
Dr. Meyer: Es gibt keine Patentlösung. Ein Rollentausch kann angemessen sein, wenn ihr Vater damit zufrieden ist.
Birgit Büttner-Oberdick [Fachkraft für Gerontopsychiatrie im Haus Alstertal]: Gehen Sie empathisch vor. Hinter den Bedürfnissen eines Kindes steht oft die Suche nach Trost und Geborgenheit.
Unser Vater hat keine Hobbys und war schon immer ein kontaktarmer Mensch. Warum ist er so passiv?
Susanne Lorenz [Pflegedienstleiterin im Haus Alstertal]: Um Anregungen zu finden, ist die Biografie eines Menschen wichtig. Was für einen Beruf hatte Ihr Vater?
Er war 38 Jahre bei den Elektrizitätswerken. Im Altenheim, in dem er wohnt, hat er schon mal gefragt, wann er endlich zur Arbeit eingeteilt wird.
Lorenz: Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist wichtig. Wenn Sie Ihrem Vater einen Werkzeugkasten hinstellen, kann das ein wichtiger Impuls für ihn sein. Es kann aber auch passieren, dass er sagt: ›Nimm deinen Kasten und geh raus.‹ Der Umgang mit Demenzerkrankten ist immer auch mit Schauspielerei verbunden. Verlieren Sie aber bitte nicht Ihren Humor – trotz der Traurigkeit, weil sich Ihr Vater so verändert hat.
Meine Mutter wird 90 Jahre alt und spielt am liebsten ‚Mensch ärgere dich nicht’. Meistens gewinnt sie. Aber das Anziehen und Waschen ist ein riesengroßes Problem.
Büttner-Oberdick: Da muss man sich rantasten. Es gibt Patienten, die gern baden. Bei anderen ist das Duschen abends eher möglich als morgens oder umgekehrt. Das muss man ausprobieren.
Lorenz: Demenzkranke können beim Duschen Angst bekommen, weil sie sich nicht mehr erklären können, woher das Wasser kommt. Eine Ganzkörperwäsche ist in diesem Fall viel angenehmer für alle Beteiligten.
Mein Mann verliert sein Zeitgefühl. Fast jede Nacht weckt er mich. Deshalb bin ich müde und habe Kopfschmerzen. Heute Nacht bin ich sogar laut geworden.
Büttner-Oberdick: Auch Ihre Belastbarkeit hat Grenzen. Wann diese Grenze erreicht ist, müssen Sie entscheiden. Gönnen Sie sich dann eine Verschnaufpause und fahren Sie ein paar Tage in Urlaub. Schlagen Sie bitte Angebote von außen nicht von vornherein aus, wie zum Beispiel die Kurzzeitpflege.
Meine Mutter leidet unter vaskulärer Demenz. Sie ist in ihrer Wohnung mehrfach gestürzt. Aber sie will nicht ins Heim.
Dr. Meyer: Auch im Heim stürzen die Bewohner. Wichtig ist, dass Ihre Mutter gründlich untersucht wird, um die Ursachen für die Stürze zu finden. Dann haben Sie wirklich alles getan.
Meine Freundin lebt auf einer Pflegestation. Mal redet sie völlig normal, dann wieder dummes Zeug. Was soll ich davon halten?
Dr. Meyer: Bei dieser Erkrankung gibt es erhebliche Schwankungen der Hirnleistung. Nutzen Sie die Zeit, in der es Ihrer Freundin gut geht, zum Gespräch.
Überlagern sich die Krankheitsbilder?
Dr. Meyer: Ja, eine gute Diagnostik ist wichtig. Depressionen, Parkinson, Alzheimer und Hirntumore haben häufig demenzielle Erscheinungen zur Folge, müssen aber unterschiedlich behandelt werden.
