Ich bin mir so fremd geworden!
Niedergeschlagenheit, Trauer und Antriebslosigkeit gehören zum Krankheitsbild einer Depression. Wo gibt es professionelle Hilfe?
Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an dieser Krankheit. Die Betroffenen schämen sich oft dafür, denn psychische Erkrankungen sind noch immer ein Tabuthema.
Patientin Wegener kennt das traurig-leere Gefühl, nicht mehr am Leben teilhaben zu wollen. Manchmal will sie einfach nichts mehr hören und sehen, und dann bleibt sie den ganzen Tag im Bett. Spätestens zur Mittagszeit hat sie jegliches Selbstwertgefühl verloren, weil sie weiß, dass andere Menschen in dieser Zeit bereits eingekauft und den Haushalt erledigt haben. Hinzu kommen körperliche Beschwerden wie Atemnot und Erstickungsanfälle, Magen- und Kopfschmerzen. So geht es oft tagelang.
Der Psychologe Michael Thiel weiß, dass die Betroffenen „sich selbst fremd geworden sind“. Es ist ihnen kaum möglich, aus eigener Kraft wieder in Schwung zu kommen. Und das, obwohl sie bis zum Ausbruch der Krankheit ihr Leben im Griff hatten. „Wir kennen aber auch die Wege aus der Krankheit“, sagt Thiel. Ambulante Pflegedienste mit einer Zulassung zur „fachpsychiatrischen Krankenpflege“ haben sich auf die häusliche Therapie von psychisch Kranken spezialisiert. Zur Behandlung, die vom Arzt verschrieben und von den Krankenkassen bezahlt wird, gehören der Einsatz von Medikamenten sowie Gespräche. „Was man redet, frisst sich nicht in die Seele“, bringt es der Psychologe auf den Punkt. In kleinen Schritten werden die Menschen, die aufgrund der Krankheit oft ihren Haushalt vernachlässigen, dazu motiviert, alltägliche Arbeiten wie das Abwaschen oder das Fensterputzen wieder selbst in die Hand zu nehmen. Eine gemeinsam erarbeitete Tagesstruktur ist dabei hilfreich.
Petra Wegener wird seit 10 Jahren betreut. Immer wieder gibt es Rückschläge, doch Michael Thiel weiß auch damit umzugehen. Durch seine kontinuierliche Unterstützung kann seine Patientin in ihrer eigenen Wohnung leben. Hier hat sie ihr kleines „Nest“, in dem sie sich geborgen fühlt.
Hilfe kann jeder in Anspruch nehmen, der den Eindruck hat, sein Leben nicht mehr in den Griff zu bekommen.
Michael Thiel freut es, wenn Petra Wegener etwas für sich tut und zum
Beispiel Blumen für den Balkon kauft.


