Die Angehörigen sind gefordert

Bei Krankheit rückt die Familie näher zusammen. Damit brechen meist auch alte Konflikte wieder auf.

Wenn die Eltern alt werden, rückt die Familie zusammen. Damit wird meist auch das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter enger und alte Handlungsmuster leben auf. Plötzlich spielt die Eltern-Kind-Beziehung wieder eine große Rolle. »Ach. Dich gibt’s auch noch?« Frauen können bekanntlich auf mindestens fünfundsiebzig Arten »Ach« sagen, und dieses Ach gehört zu den verletzendsten von ihnen. Es heißt übersetzt nichts anderes als: »Ich mache dir Vorwürfe. Du meldest dich zu selten bei mir. Du hast mich vernachlässigt. Nun erbarmst du dich meiner und rufst endlich mal an!« Die Tochter oder der Sohn denken in diesem Moment: Warum kann sie nicht einfach mal sagen: »Hallo, mein Kind. Wie geht es dir? Ich hoffe gut. Hattest u viel zu tun?« Manchmal gehen wir gedankenlos und rücksichtslos miteinander um, so als hätten wir alle Zeit der Welt, als wäre unser Leben nicht wie ein Bleistift, der jeden Tag ein kleines bisschen angespitzt und dabei kleiner wird. Dabei haben wir allen Grund, mit diesem Bleistift schöne Dinge zu zeichnen. Gerade zwischen Mutter und Tochter können lebenslang Konflikte schwelen, die nie gelöst worden sind: Eifersucht auf einen vorgezogenen Bruder, Kampf einer braven Tochter um Anerkennung und Aufmerksamkeit, die es kaum gegeben hat, oder Klagen darüber, dass man nie gut genug war. Sobald sich das Beziehungsverhältnis umdreht und die Mutter gepflegt, behütet und umsorgt werden muss – eine Arbeit, die meist die weiblichen Familienmitglieder übernehmen –, kann das Verhältnis zwischen den Frauen erneut problematisch werden.

Auch hier schwanken die Reaktionen der Töchter zwischen Vernachlässigung der Mutter oder einer übergroßen Einsatzfreude, die jedoch dazu führen kann, dass die überforderte Pflegende schließlich erschöpft zusammenbricht. Allerdings gibt es ein paar Tipps, die den Umgang zwischen den Generationen leichter machen. Dazu zählen der gegenseitige Respekt bezüglich der Haushalts- und Lebensführung. Die Unterstützung eines Pflegedienstes hilft gegen Überforderung. Töchter sollten zwischendurch auch einmal sagen, dass sie dankbar sind, von ihrer Mutter zur Welt gebracht worden zu sein. Und wenn die Mutter zugibt, wie glücklich sie ist, dass ihr Kind für sie da ist, entspannt das die Situation. Denn bei allem darf man nie vergessen: Die gemeinsame Zeit wird irgendwann zu Ende sein. Da sollte man sich nicht in überflüssigen Auseinandersetzungen verlieren.

Das schlechte Gewissen