Demenz: Die Lust auf den Tag wecken

Viele Familien erleben, dass ihre demenzkranken Angehörigen innerlich unruhig sind, Ängste ausleben, mit dem Tag-Nacht-Rhythmus durcheinandergeraten oder ständig ihre Habseligkeiten in Plastiktüten einpacken, um auszuziehen. Wie sollen Ehepartner und Kinder angemessen mit den typischen Begleiterscheinungen einer Demenz umgehen? Ein Blick über die Schulter der Profis im Altenheim hilft weiter.

Iwona Erm ist Pflegedienstleiterin in einem kleinen Altenheim mit 28 Bewohnern, das sich auf Demenz spezialisiert hat. Ihr erster Kunstgriff dauert wenige Minuten und ist ausgesprochen wirkungsvoll: „Wir lassen unsere Bewohner morgens ausschlafen.“ Beim Wachwerden können die Menschen erst einmal die Pflegekraft und die Umgebung wahrnehmen. Da sitzt der Mitarbeiter schon mal einige Minuten auf der Bettkante. Dieses morgendliche Ritual wirkt oft Wunder. Es ermöglicht einen entspannten Start in den Tag. Die Bewohner haben dann mehr Lust aufzustehen, sich zu waschen und anzuziehen. So wird die Selbstständigkeit gefördert und die Lust auf den Tag geweckt.

Bewohnerin Ilse Tiedt streichelt das Kaninchen Martina und sagt zu Pflegedienstleiterin Iwona Erm: „Am Anfang war ich auch nicht fürs Altenheim, aber mich werden Sie hier nicht so schnell wieder los.“

Die Erfahrung zeigt, dass Aktivitäten in der Gruppe sehr beliebt sind. Beim Frühstück genauso wie beim Singen oder beim Einkauf auf dem Markt. Bewohnerin Ilse Tiedt sagt: „Ich schaffe es nicht mehr allein ins Theater, aber wenn wir zusammen fahren, bin ich dabei.“

In diesem Altenheim leben übrigens mehrere Haustiere: der 14-jährige Schnauzer Xena, Hauskatze Lily und Kaninchen Martina. Mensch und Tier unter einem Dach hat hier aber nicht nur einen besonderen Charme, sondern ist auch unter therapeutischen Aspekten bemerkenswert: „Wenn unsere Bewohner hyperaktiv, ärgerlich oder wütend sind, setzen wir das Kaninchen zu ihnen. Sie beginnen sofort, das Tier zu streicheln und werden dadurch innerhalb von kurzer Zeit ruhig und ausgeglichen. Durch den engen Kontakt mit den Tieren konnten wir den Einsatz mit Psychopharmaka deutlich reduzieren, wenn nicht sogar absetzen“, erläutert Iwona Erm.
Übrigens: Wenn sich eine Familie das Haus ansieht, ist oft eines der Haustiere dabei. Meistens sitzt es nach kurzer Zeit auf dem Schoß des interessierten Bewohners oder seiner besorgten Familienangehörigen. „Das nimmt viel von dem Stress, in dem sich die Menschen bei der Heimsuche befinden“, ist Iwona Erm aufgefallen. Tiere sind gute Therapeuten.