Jeder zehnte Bürger hat ein Patiententestament

Wann ist das eigene Leben nicht mehr lebenswert? Die Wünsche und Erwartungen an das Leben gehören in eine Patientenverfügung.

Rund acht Millionen Bundesbürger haben ein Patiententestament, in dem sie festhalten, wie sie medizinisch versorgt werden wollen, sofern sie sich selbst nicht mehr dazu äußern können. Bisher mussten sich die behandelnden Ärzte nicht daran halten. Aufgrund eines neuen Gesetzes, das der Bundestag im Juni 2009 verabschiedet hat, sind Patiententestamente jetzt verbindlich. Allerdings ist es notwendig, dass der Betroffene seinen Willen in diesem wichtigen Vorsorgedokument detailliert beschreibt. Allgemeine Aussagen wie »ich will nicht an Schläuchen hängen« oder Standardformulare zum Ankreuzen können Mediziner weiterhin ignorieren. Das Problem bei der Formulierung einer Patientenverfügung besteht darin, dass man gar nicht weiß, welcher medizinische Notfall überhaupt möglicherweise eintritt und wie dann behandelt werden soll oder nicht. Krebs- oder Herzkreislauferkrankungen, Schlaganfälle, Unfälle oder Demenz – es gibt unzählige Krankheiten und Behandlungsmöglichkeiten. Der Verfasser  einer Patientenverfügung kann kaum detailliert darauf eingehen. Wenn zum Beispiel ein Motorradfahrer einen Unfall hat, ins Koma fällt und beide Beine amputiert werden müssen, würde der Arzt dies tun. Falls aber eine Patientenverfügung existiert, in der jede Amputation abgelehnt wird, muss der Arzt dies berücksichtigen und den  Patienten im schlimmsten Fall sterben lassen. Wer seinen Patientenwillen so präzise formulieren möchte, sollte zwei Aspekte berücksichtigen.

Der medizinische Fortschritt

Es ist nachvollziehbar, dass eine medizinische Behandlung abgelehnt wird, weil sie ein langes Leiden nach sich ziehen würde. Doch das kann sich aufgrund der medizinischen Fortschritte schnell ändern. Mag es heute  unmöglich erscheinen, so können Patienten in Zukunft nach einer schweren Erkrankung vielleicht wieder ein weitgehend normales Leben führen. Deshalb sollte eine Patientenverfügung regelmäßig überprüft werden.

Der ungebrochene Lebenswille

Niemand weiß, ob gerade nach einem gesundheitlichen Nackenschlag der Wille zum Leben nicht doch so stark wiederkehrt, wie man es sich heute gar nicht vorstellen kann. Patienten mit einem leichten Schlaganfall sind oft vorübergehend extrem eingeschränkt. Sie sind gelähmt, sprachbehindert und bettlägerig. Doch schon nach wenigen Wochen klingen die neurologischen Ausfallerscheinungen weitgehend ab. Und genau für diese Schlaganfallpatienten beginnt ein neues Leben, voller Lebensmut und Freude. Weiß man wirklich Jahrzehnte vorher, ob in so einer gesundheitlichen Krise die Behandlung eingestellt und das eigene Leben beendet werden soll? Es ist wichtig, sich intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen. Möglicherweise steht am Ende dieser Überlegungen, dass man auf ein Patiententestament verzichtet. Und das ist dann auch gut so. Folgende Aspekte bilden jedoch eine wichtige Grundlage für das Vorgehen der behandelnden Ärzte und können in einer schriftlichen Patientenverfügung geregelt werden. Die Mediziner lernen nämlich auf diesem Wege die persönliche Einstellung des Patienten kennen und können dann entsprechend handeln.

Die eigenen Wertvorstellungen

Wie ist die eigene Einstellung zum Leben und Sterben? Sind religiöse Anschauungen zu berücksichtigen? Wie ist das bisherige Leben verlaufen? Auch Wünsche und Erwartungen an das Leben sollten aufgeschrieben werden. Genauso, ob jemand allein lebt und wie der familiäre Kontakt aussieht. Nicht zuletzt bei längeren Krankheiten ist der persönliche Leidensweg aufzuzeichnen.

Vertrauenspersonen

Es ist möglich, in der Patientenverfügung eine Vertrauensperson anzugeben. Doch für Freunde, Kinder, den Ehe- oder Lebenspartner kann es eine Zumutung bedeuten, nach vielen gemeinsamen Jahren zum Tod eines geliebten Menschen ja zu sagen. Sofern eine Vertrauensperson eingesetzt wird, sollte in jedem Fall vorher ein ausführliches Gespräch stattfinden. Außerdem ist die Zustimmung der betreffenden Person einzuholen.

Wann verfasst man eine Patientenverfügung?

Jeder Zeitpunkt ist der richtige. Das merkt man schon selbst, wann sich aus einem Entwurf ein Dokument entwickelt hat, das man aus ganzem Herzen unterschreiben möchte. Außerdem lässt es sich jederzeit ändern, neu verfassen oder vernichten.

Schriftliche Festlegung

Das Gesetz schreibt die Patientenverfügung in schriftlicher Form vor. Der Verfasser muss volljährig sein und kann festlegen, dass er Heilbehandlungen oder ärztlichen Eingriffen zustimmt oder diese untersagt. Das Dokument kann selbst oder mit Hilfe eines Notars verfasst werden.

Hinterlegung der Patientenverfügung

Es nützt nichts, wenn so ein wichtiges Dokument in der Schublade liegt und niemand davon weiß. Dann bleibt es im Notfall unberücksichtigt. Deshalb sollte im Portemonnaie ein Zettel mit einem Hinweis liegen, wo die Patientenverfügung zu finden ist. Eine entsprechende Nachricht an den Hausarzt ist wichtig und eine mögliche Vertrauensperson sollte ebenfalls Bescheid wissen. Die Verfügung kann auch zum Preis von 18 Euro hinterlegt werden, doch das ersetzt nicht den Zettel im Portemonnaie.

Das Patiententestament hinterlegen
Humanistischer Verband Deutschlands
Bundeszentralstelle Patientenverfügung
Wallstraße 65
10179 Berlin
Tel.: 030/61 39 04-11
Fax 030/61 39 04-36

Unterstützung bei der Formulierung

Die gewählten Formulierungen müssen eindeutig sein. Ärzte heilen, Schwestern pflegen. Ihre Aufgabe ist es nicht, schwammig formulierte Wünsche der Patienten zu interpretieren. Allgemeinplätze, wie »ich will keine Apparatemedizin und kein qualvolles Leben«, sagen nicht aus, was man sich wünscht. Darum ist es wichtig zu beschreiben, welche Situationen gemeint sind und wie dann behandelt werden soll oder nicht. Hierzu sollte man sich von Ärzten oder Organisationen, die sich auf diese Thematik spezialisiert haben, beraten lassen.

Inhalt der Patientenverfügung

  • Aus der Patientenverfügung muss klar hervorgehen, für wen sie gilt.
  • Name, Telefonnummer und Adresse der möglichen Vertrauenspersonen
  • Eine genaue Beschreibung der gesundheitlichen Situation, in der diese Verfügung angewendet werden soll
  • Festlegung, was Ärzte und Pflegepersonal leisten sollen und was nicht
  • Es kann auch ein Pflegeheim oder Hospiz genannt werden oder der Wunsch, dass eine mögliche Finalpflege zu Hause von der Familie vorgenommen werden soll. Denn der Verzicht auf Behandlungsmethoden bedeutet nicht, dass der Tod sofort einsetzt.
  • Wer nach dem Tod seine Organe für das Überleben anderer Menschen zur Verfügung stellen möchte, kann auch dies hier notieren.
  • Eine Schlussformel, die noch einmal betont, dass Ihre Wünsche unbedingt zu respektieren sind
  • Datum und eigenhändige Unterschrift