Man weiß nie, wofür das Ersparte gebraucht wird

Auch innerhalb der eigenen Familie sollte man den Notgroschen nicht leichtfertig verschenken.

Marga Oltmanns war verliebt und träumte von einer großen Familie im eigenen Haus mit Garten. Wir schreiben das Jahr 1940. Ihr Freund Erwin hatte ihr zur Verlobung am Montag einen Schaukelstuhl für den Garten geschenkt, sein Gesellenstück als Schreiner. Am Freitag wurde geheiratet, am Sonntag zog er in den Krieg und kam nicht mehr zurück. Heute sitzt Marga oft in diesem Schaukelstuhl auf dem Balkon ihrer Mietwohnung und denkt über ihr Leben nach. War es richtig, nie wieder zu heiraten? Im nächsten Moment wandern ihre Gedanken zu ihren Nichten und Neffen und deren Kindern. Sie bekommt regelmäßig Anrufe und Besuch von ihnen und unterstützt die Familien ihrer verstorbenen Geschwister, wo sie nur kann.

In ihrem Berufsleben hat Marga Oltmanns etwas für den Notfall gespart. Sie kommt mit ihrer Rente und der kleinen Kriegswitwenrente gut zurecht. Marga ist großzügig, was ihre Familie reichlich ausnutzt. War es zunächst nur ein Zuschuss zum neuen Fahrrad oder zum Urlaub, so erfinden die Angehörigen inzwischen immer neue Geschichten, um an Geld zu kommen. Eine von Margas Nichten hat einen Kleinwagen. Kaum ein Fahrzeug in Deutschland benötigt so viele Reparaturen wie dieses grüne Auto. Und zum wiederholten Mal wird die 93-Jährige davon überzeugt, dass die Nichte auf das Auto angewiesen ist, die Reparatur selbst nicht zahlen kann und schon wieder 700 Euro zu überweisen sind.

Am Ende überreden Neffen und Nichten die gute Tante Marga, ihnen das Geld komplett anzuvertrauen, um es zu »verwalten«. Auf diesem Wege ließen sich Steuern und Kreditzinsen sparen. Erbschaftssteuer, die Marga nie hätte zahlen müssen. Zinsen für Kredite, die Marga nie aufgenommen hat. Die Tante willigt ein, da die Familie das Geld sowieso erben sollte. Das war vor einem Jahr. Leider hat Marga nicht daran gedacht, dass sie das Geld selbst einmal benötigen würde. Inzwischen fällt ihr nämlich das Treppensteigen in den dritten Stock immer schwerer. Sie hat sich umgesehen und möchte in eine Seniorenresidenz ziehen. Weil sie dafür Geld braucht, bittet sie die Angehörigen, ihr das Geld, das sie der Familie überlassen hat, zurückzuzahlen. Ein Neffe betrachtet das Geld jedoch als Geschenk und will es behalten. Der andere ist geschieden und es ist nichts mehr da. Die Nichte hat davon das Dach ihres Hauses decken lassen. Marga steckt zurück, sie ist verärgert und wütend auf sich selbst. Was soll sie machen, es ist doch die Familie? Also schränkt sie sich ein und geht nur noch selten aus dem Haus, weil die Treppe fast unüberwindbar geworden ist. Das hatte sie sich so nicht vorgestellt. Ihr Leben lang hat sie gespart, um nie in eine solche Situation zu kommen. Jetzt könnte sie in der Seniorenresidenz am See leben. Ein Apartment mit zwei Zimmern, in einer Wohnanlage mit Fahrstuhl und etlichen Annehmlichkeiten, die das Alter erleichtern. Doch aus diesem Traum wird nichts mehr. Das Geld ist weg. Marga sitzt am Fenster im Schaukelstuhl, blickt zum Himmel und redet mit ihrem verstorbenen Mann. »Beim Geld hört die Freundschaft auf. Ich bedauere sehr, dass ich das jetzt auch noch lernen musste. Ach Erwin. Warte, ich komme bald.«