Große Familie mit Haustieren

„Das Zusammenleben mit Tieren bewirkt bisweilen kleine Wunder“, berichtet Pflegedienstleiterin Iwona Erm aus ihrem Alltag im Haus Volksdorf (Hamburg-Volksdorf). Etwa die Hälfte der Bewohner hatte schon mal einen Hund. Die Menschen reagieren ausgesprochen positiv auf Zwergschnauzer Mona, Hauskatze Lilly, Wellensittich Angela sowie die beiden Kaninchen Joshi und Henry.

In dem Haus mit 28 Bewohnern verlieren sich die Ängste vor einer Pflegeeinrichtung schnell, wenn die Tiere auftauchen. Neulich wollte sich eine Tochter gemeinsam mit ihrer Mutter das Domizil ansehen. Die Unsicherheit war beiden anzumerken. Als Katze Lilly bei dem Gespräch um die Beine der Tochter herumschlich und gestreichelt werden wollte, entspannte sich die Situation und sie fing an zu erzählen: von der Krankheit der Mutter, über die Verzweiflung in den vergangenen Wochen, von Streitigkeiten in der Familie wegen der Pflege und der Isolation, in die man als pflegender Angehöriger schnell gerät. Währenddessen hatte Altenpflegerin Beata Salostowitz der an Demenz erkrankten Mutter das Haus gezeigt – begleitet von der 6-jährigen Hündin Mona. Schwester Beata hatte sofort einen Draht zu der Dame. Am Ende des Rundgangs meinte die Interessentin nur: „Weißt du was? Ich bleibe hier.“ Ein vollkommen entspannter Übergang aus der vertrauten Häuslichkeit in eine stationäre Pflegeeinrichtung.

 

Wenn Zwergschnauzer Mona und Kaninchen Henry einträchtig nebeneinander im Körbchen sitzen, ist Iwona Erm zufrieden.

„Wir leben hier wie in einer großen Familie – ganz gleich, ob Bewohner, Angehörige oder Mitarbeiter“, erläutert Iwona Erm den Alltag. Die Bewohner können morgens ausschlafen. Entsprechend ihrer Biografie gestalten sie – auch mit Hilfe der Mitarbeiter – ihren Alltag selbstständig. Das gemeinsame Frühstück und die Gymnastik gehören zu den festen Ritualen am Vormittag. Wenn alle Bewohner morgens um halb elf im Kreis sitzen, um sportlich aktiv zu sein, macht auch Wellensittich Angela mit: Alle heben das rechte Bein – sogar der Vogel in seinem Käfig. Außerdem tragen die Feste dazu bei, dass das Familiengefühl wächst und gestärkt wird. Oft stehen die Veranstaltungen – in Anlehnung an bekannte Fernsehsendungen – unter einem Motto: „Dschungel Camp“, „Der Preis ist heiß“ oder „Bauer sucht Frau“. Dabei helfen Angehörige und Mitarbeiter, aufwendige Dekorationen und passende Kostüme zu fertigen. Den Bewohnern gefällt es. Genauso anregend ist es für sie, in den Bewohnerurlaub an die Ostsee zu fahren oder an Ausflügen teilzunehmen.

 Man könnte glauben, hier leben 28 Senioren in einer großen

Schwester Beata hat Hauskatze Lilly fürs Foto angelockt. Ein Gruppenbild mit Mona war nicht möglich, denn der Hund und die Katze kommen nicht miteinander zurecht.

Wohngemeinschaft. Doch es sind Menschen mit einem hohen Grad an Pflegebedürftigkeit, die an Demenz oder psychischen Erkrankungen leiden. Als Iwona Erm vor 14 Jahren in dem Haus anfing, hatte sie die Chance, ein anderes Modell von Pflege umzusetzen. Es gibt zahlreiche kleine Geschichten und Begebenheiten, die zeigen, dass Iwona Erm auf das richtige Konzept setzt. Mitunter gibt es erhebliche Probleme damit, dass sich die Bewohner mit Händen und Füßen gegen die Grundpflege wehren. „Eine Dame wurde kurz nach ihrem Einzug bei uns richtig ungnädig, wenn wir ihr beim Waschen und Anziehen behilflich sein wollten. Diese Frau hat niemanden an sich herangelassen“, erzählt Pflegedienstleiterin Erm. Das Team hat im Laufe der Jahre jedoch etliche Tricks und Kniffe entwickelt. In diesem Fall brachte der Hund die Lösung. „Am Anfang saß Mona einfach nur auf dem Schoß dieser Dame“, erinnert sich Erm. „Die Frau hat ihn gestreichelt und nur geschimpft. Wir haben kein Wort verstanden. Doch dann wurde sie ruhiger und wir konnten mit der Grundpflege beginnen. Heute reicht es, wenn der Hund mit in ihrem Zimmer ist. Das Tier vermittelt ihr Sicherheit.“

Einen ähnlich positiven Effekt haben die Haustiere bei Schlaganfallpatienten. Dazu wird das Kaninchen auf den gelähmten Arm gesetzt. Die Menschen bekommen durch diesen kleinen therapeutischen Kunstgriff wieder eine Wahrnehmung für die gelähmte Körperseite.

 Zurück zu der Dame, die gleich nach dem Rundgang geblieben ist. Vier Wochen nach dem Einzug wollte die Tochter ihre Mutter abholen und mit ihr in ein Café gehen. Eine Abwechslung vom Heimalltag. Doch am Gartentor blieb die Mutter stehen und sagte: „Kaffee und Kuchen? Dafür brauchen wir nicht wegzufahren. Das bekommen wir hier auch alles.“ So geht Geborgenheit.